Heißzeit ante Portas

Die Zukunft hat schon begonnen

Verheerende Waldbrände in Schweden, in Griechenland, in Kalifornien, eine schwere Hitzewelle in Japan, Dürre und Hitze im Iran, großflächige Waldbrände auch in Brandenburg, die Oder seit Wochen nicht mehr schiffbar und auf historischem Tiefststand…, man könnte die Aufzählung endlos fortsetzen.

Der diesjährige „Jahrhundertsommer“ bietet eine Ahnung davon, was der Welt in Zukunft bevorsteht. Dabei ist die Oberflächentemperatur der Erde im Vergleich zum Ende des 19. Jahrhunderts ja erst um gut ein Grad angestiegen. Wie wird es erst sein, wenn es drei oder gar fünf Grad mehr sind? Man mag sich das eigentlich gar nicht vorstellen, – das macht regelrecht Angst.

Doch die Zukunft des Planeten, die wir noch ein wenig aufschieben wollten, hat längst begonnen und klopft in Form einer Hitzewelle und Dürre an unsere Tore und kündigt das Kommen einer lebensfeindlichen Heißzeit an. Das sollte uns berechtigt Angst machen und uns endlich begreifen lassen, dass eine drei Grad wärmere Welt ein unerträglicher Albtraum wäre. Die Erfahrung, wie unerträglich es jetzt war und dann immer sein würde, hilft vielleicht mehr als 1000 Worte, noch rechtzeitig aufzuwachen und eine andere Welt und eine andere Zukunft zu ermöglichen. Die Erde ist schon dabei, die Schwelle zur Heißzeit zu überschreiten und in einen lebensfeindlichen Systemzustand überzugehen, was wir vielleicht noch verhindern, aber nicht rückgängig machen können. Eine symbolische Klimapolitik des Aufschubs und der Vertagung, des so tun „als ob“, wie in den vergangenen 25 Jahren, in denen sich die Emissionen verdoppelt haben, ist nicht mehr verantwortbar.

Kohlenstoffbudget, CO2-Konzentration und globale Mitteltemperatur
Quelle: http://openclimatedata.net/climate-spirals/from-emissions-to-global-warming-line-chart/

Nach Angaben der UN-Weltorganisation für Meteorologie (WMO) hat sich die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid 2016 so schnell erhöht wie noch nie und einen neuen Rekordwert erreicht. Im weltweiten Durchschnitt lag sie demnach bei 403,3 ppm (Teilchen Kohlendioxid pro eine Million Luftteilchen), nach 400 ppm im Jahr 2015. Dieser anhaltende schnelle Anstieg beruht nicht nur auf den ungebremsten menschlichen Emissionen, auch jeder Waldbrand erhöht die CO2- Konzentration.

2016 war laut Zahlen der US-Atmosphärenbehörde NOAA das bislang wärmste Jahr – die weltweite Durchschnittstemperatur lag 0,94 Grad über dem Mittel des 20. Jahrhunderts. 2017 war laut Zahlen der NASA das zweitwärmste Jahr. Der diesjährige erneute

Jahrhundertsommer ?

bricht weltweit Rekorde. So war es im Juli in Nordamerika vielerorts mehr als 15 Grad zu warm, in Montreal sind Anfang Juli Dutzende Bewohner in Folge der Hitzewelle gestorben.

Im Juli 2018 wurden in sehr vielen Ländern Temperaturrekorde gebrochen. In Südkalifornien waren es mehr als 43 Grad, in Denver gut 40 und in Montreal fast 37. In Jerewan in Armenien erreichte das Thermometer 42 Grad, und Quriyat in Oman vermeldete Ende Juni, dass die Temperatur 24-Stunden nicht unter 42,6 Grad gefallen sei. Im Südirak, im Iran sowie im Norden Pakistans kletterte das Thermometer auf unerträgliche 52 Grad. Selbst an der Nordküste Russlands, am Polarmeer, gab es Temperaturen von 32 Grad.

In den von der Hitze erdrückten Teilen Nordamerikas, Nordafrikas und des Nahen Ostens werden die Temperaturen für viele Menschen inzwischen lebensgefährlich. Besonders

Wenn es nachts kaum abkühlt,

belastet das den Organismus, weil der Schlaf gestört wird. Die Rekorde für die „höchste Mindesttemperatur“ werden zurzeit ungefähr doppelt so häufig gebrochen wie für die „höchste Maximaltemperatur“: Die amerikanische Behörde für Ozeane und Atmosphäre zählte in den vergangenen 30 Tagen weltweit gut 5000 neue Spitzenwerte nachts und knapp 2700 tagsüber.

Klimaforscher fühlen sich durch die Ereignisse bestätigt. „Durch die Erderwärmung sind häufigere und schlimmere Hitzewellen und Extremniederschläge physikalisch zu erwarten, und Klimaforscher haben seit Langem davor gewarnt“, so Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Der Klimawandel hat

Extremwetterereignisse, wie Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen

schon doppelt so wahrscheinlich gemacht. „Eine signifikante weltweite Zunahme solcher Ereignisse wurde bereits nachgewiesen. Dieser Trend wird sich nur dadurch verlangsamen lassen, dass das Pariser Klimaschutzabkommen endlich konsequent umgesetzt wird.“, so Rahmstorf.

Heiße Tage sind bereits spürbar häufiger geworden. Sollte das Zwei-Grad-Ziel verfehlt werden, könnten unter anderem Teile Südasiens bis 2100 schwer von Hitzewellen getroffen werden und unbewohnbar werden. Auch in Afrika würden die Dürren weiter zunehmen. Das Leben von vielen Hundert Millionen Menschen wäre bedroht. Das fehlende Wasser der schwindenden Gletscher würde diese Situation zusätzlich verschärfen.

Auch große Teile Deutschlands leiden unter Hitze und außergewöhnlicher Trockenheit. Für die drei Monate zwischen Anfang April und Anfang Juli spricht der DWD von „schwerer bis extremer Dürre“.

Viele Bauern haben ihr Getreide bereits notgeerntet, und in Berlin wurden die Bürger aufgefordert, die Straßenbäume zu wässern.

„Der Mai 2018 war in Deutschland der wärmste Mai seit 1881 und nach dem diesjährigen April der zweite Monat in Folge mit einem neuen Rekordwert“. So lautet das Fazit des Deutschen Wetterdienstes zur aktuellen Wettersituation, die von einer Vielzahl von Extremereignissen wie häufigen Gewittern, Starkniederschlägen und lokalen Hochwasserereignissen im Süden und Westen des Landes sowie einer ausgeprägten Trockenheit im Norden begleitet wurden.

Die Arktis zeigte sich nach März und April, auch im Monat Mai in vielen Bereichen, deutlich wärmer als im langjährigen Durchschnitt, eine offenkundige Folge der veränderten atmosphärischen Zirkulation (siehe J Tallig, „Kippelement atmosphärische Zirkulation“, 2016)., Die Struktur der Druckanomalien (Tiefdrucksystem über Grönland und Hochdrucksystem über Skandinavien) erhöhte den Zustrom von warmer und feuchter Luft aus dem Nordatlantikbecken in Richtung Arktis. Das führte zu einem verstärkten Eintrag von Wärme in die Arktis, was dazu führte, dass die Eisschmelze schon früh im Jahr einsetzte. Die Meereisausdehnung in der Arktis befindet sich schon seit dem Winter auf einem sehr niedrigen Niveau. Doch nicht nur das arktische Meereis schmilzt beschleunigt und nicht nur der Permafrost taut auf, -im vergangenen Jahrzehnt ging auch den Gletschern in Alaska, Kanada, Grönland, Asien und den südlichen Anden sehr viel Eis verloren und auch die gesamte Antarktis verliert immer mehr Eis, was den Meeresspiegelanstieg weiter beschleunigt hat.

Antarktisschmelze und Meeresspiegelanstieg beschleunigt

Der Beitrag der Antarktis zum Anstieg des Meeresspiegels könnte sich als viel höher erweisen, als bisher angenommen. Die dortigen Eismassen reichen aus, um die Ozeane um unvorstellbare 60 Meter ansteigen zu lassen; entsprechend relevant ist alles, was dort passiert. Lange dachte man, die Region um den Südpol würde erst sehr spät zu schmelzen beginnen. Neuere Messungen und Simulationen aber zeigen besorgniserregende Ergebnisse: Allein die Antarktis könnte demnach bis zum Jahr 2100 mehr als einen Meter zum Meeresspiegelanstieg beitragen, insgesamt könnten die Ozeane bis dahin um 1,80 Meter oder mehr steigen. Sollte es so kommen, würde das katastrophale Krisen auslösen. Riesige Städte wie Mumbai und Shanghai wären bedroht, Miami und New Orleans sowieso. Heute dicht bevölkerte Küstenregionen würden unbewohnbar.

Sicher ist, dass dieses Schreckensszenario umso näher rückt, je schneller und weiter die Erwärmung voranschreitet: Gelingt es, sie auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, würde das zwar keinen absoluten Schutz bieten. Aber es wäre weit weniger riskant als drei oder vier Grad Temperaturanstieg. „Jenseits von zwei Grad Erderwärmung steigen die Großrisiken steil an, es droht das Überschreiten von Kipppunkten“, sagt Hans Joachim Schellnhuber, vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). „So könne der Meeresspiegel allein wegen des Abschmelzens des Grönland- Eisschilds um sieben Meter ansteigen“.

Um die Erderwärmung noch zu begrenzen, müsste sich die Welt spätestens um die Mitte des Jahrhunderts weitgehend von fossiler Energie verabschiedet haben. Das 1,5-Grad -Ziel, das laut Paris-Vertrag eigentlich angestrebt werden soll, wäre bei den jetzigen, unverändert hohen Emissionen schon in fünf Jahren nicht mehr erreichbar. Die aktuellen freiwilligen Zusagen von Treibhausgasreduzierungen der Vertragsteilnehmer laufen eher auf mindestens drei Grad Erderwärmung hinaus, wobei ja noch völlig ungewiss ist, ob diese Selbstverpflichtungen denn überhaupt eingehalten werden (siehe Deutschland). Papier ist bekanntlich geduldig.

Prof. Stefan Rahmstorf auf Kontext TV: „Bereits vor mehr als 50 Jahren, im Jahr 1965, warnten Klimawissenschaftler den US-Präsidenten Lyndon B. Johnson vor den dramatischen Folgen eines menschengemachten Klimawandels. Vor dem Hintergrund dieser langen Geschichte ist das Pariser Klimaabkommen von 2015 mindestens 20 Jahre zu spät gekommen. Die freiwilligen Reduktionen des Abkommens (die noch nicht erfolgt sind J.T.) decken nur die Hälfte der notwendigen Maßnahmen ab. Während zu einem früheren Zeitpunkt ein langsamer Umbau zu einer CO2-freien Wirtschaft möglich gewesen sei, müsse der Ausstieg aus den fossilen Energien jetzt sehr schnell in Angriff genommen werden, um katastrophalen Klimawandel zu verhindern. Doch dazu sei der politische Wille der Bundesregierung – die bereits ihre eigenen Klimaschutzziele für 2020 aufgegeben hat – nicht zu erkennen.“

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